Der zwielichtige Zustand

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Eine Geschichte über das Jenseits und das Diesseits

Tief im Dschungel und fernab der Zivilisation, verborgen in den felsigen Schlupfwinkeln einer Bergformation, befand sich eine schwer zugängliche Höhle. Kein Mensch hatte sich je dorthin begeben und nur die Pflanzen und Tiere der Umgebung verliehen dem Ort die harmonische Natürlichkeit des Dschungels.

Eine Natürlichkeit, die sich durch den rhythmischen Zyklus der aufgehenden Sonne und der Wetterphänomene ergab, und zur Unterscheidung zwischen Tag und Nacht und den dazugehörigen Jahreszeiten führte. Eine Monotonie in einer zugleich abwechslungsreichen Umgebung, wie eine Ordnung in der Unordnung mit all ihren Auswirkungen. Unrhythmische Geräusche von Tieren und windverwehten Blättern ergaben die musikalische Begleitung dieses Zusammenseins in ausgeglichener und friedlicher Harmonie im Hier und Jetzt.

An einem Spätnachmittag, kurz bevor die Umgebung völlig von der Dunkelheit bedeckt wurde, gab es plötzlich ungewöhnliche und aufgeregte Geräusche, eine Aktivität, die von Vögeln und anderen Tieren des Dschungels stammte. Gemischt mit abgeknickten Ästen und zerwühlten Blättern signalisierten sie etwas Ungewöhnliches in dieser Normalität. Die Richtung der Veränderung wurde durch die Geräusche verraten, sowohl woher sie kamen, als auch in welche Richtung sie sich bewegten.

Ein muskulöser Mann, blutüberströmt, unter den Verletzungen eines Kampfes leidend, bahnt sich seinen Weg durch den Dschungel. In einer Hand hält er ein Kampfschwert. Mit starrem Blick kommt er eilig aus dem Tal in Richtung Berggipfel, sein Gesichtsausdruck lässt Schmerz und Wut erkennen. Dabei ist er ohne Ängste und scheint nicht auf der Flucht. Zielstrebig schreitet er bewusst und kontrolliert voran, als wäre er auf der Suche nach einer bestimmten Umgebung.

Sein Weg endet an einer Felswand nahe dem verborgenen Eingang der Höhle. Die sich senkende Dunkelheit nimmt ihm die Übersicht und die dichten Baumformationen machen seine Wahrnehmung fast unmöglich. Er sucht einen Platz zwischen kleinen Steinhügeln für sein Nachtlager und schläft nach kürzester Zeit friedlich an der Stelle ein.

In seinem Traum erscheint ihm eine Gestalt aus Wolken mit einer Frauenstimme, die sich als Höhlenwächterin ausgibt. Sie sei mit der Aufgabe betraut, Neuankömmlingen wie ihm, vor dem Eintritt in die Höhle eine erforderliche Botschaft zu übermitteln. Die Botschaft laute, das der Durchgang in die Höhle an magische Bedingungen geknüpft sei, um sie passieren und zur anderen Seite gelangen zu können. Die Bedingungen bestehen aus der Erfüllung der „Unverletzlichkeit“ und dem „Willkommen“, und gelten für alle Durchgehenden. Nachdem sie ihre Botschaft überbracht hat, löst sie sich in Luft auf.

Durch den ungewöhnlichen Inhalt seines Traumes war der Mann emotional verwirrt und unruhig, wodurch er spontan aufwachte. Er fand sich im Dschungel wieder, es war Tag, und alles war hell und erleuchtet. Doch die Helligkeit war nicht die ihm vertraute Helligkeit des Tages, mit ihren warmen Sonnenstrahlen. Es war eher eine silbrige Helligkeit, die auf seltsame Art alles erstrahlen ließ, und dabei keinerlei Wärme lieferte. Abgesehen davon war alles normal, er sah den Dschungel vor sich, ohne besondere Vorkommnisse.

Hinter ihm, direkt an der Felswand, verdeckt durch Bäume und Kletterpflanzen befand sich der verborgenen Höhleneingang, ganz so, wie ihn die Höhlenwächterin beschrieben hatte. Er war überrascht und begab sich aus Neugier sofort zum Eingang der Höhle, ohne dabei zu bemerken, wie leicht und einfach er sich gegenwärtig bewegen konnte. Es war ganz so wie in einem gewöhnlichen Traum, in dem man keine eigene bildliche Wahrnehmung oder körperliche Empfindung wie im Wachsein hat.

Der Höhleneingang wirkte wie ein mit Nebel gefüllter Tunnel, sodass er weder Wände noch einen Durchgang erkennen konnte. Er hatte nicht das Gefühl, die Höhle überhaupt passieren zu können, oder zu sehen, wohin sie führte. Da erinnerte er sich wieder an die Botschaft der Höhlenwächterin und ihre Erklärung über die magischen Bedingungen der „Unverletzlichkeit“ und des „Willkommens“.

Die Unverletzlichkeit bezieht sich auf den gegenwärtigen Zustand des Daseins, indem das Ich ohne äußeres Mein (physisch) auskommt. Für den Durchgang stellt das Mein einen Hinderungsgrund dar, sofern es noch nicht abgelegt ist. Das Willkommen bezieht sich auf das gegenwärtige Ich im Diesseits, dass auf der anderen Seite des Durchgangs weder Gültigkeit noch Bedeutung hat. Wem es nicht gelingt, das gegenwärtige Ich loszulassen, der kann auch nicht von seinem zukünftigen Ich willkommen geheißen werden. Die Höhle ist für alle Ankömmlinge grundsätzlich ein Übergang, wie eine Schwelle oder eine zwielichtiger Tunnel, der gleichzeitig als gegenwärtige Wirklichkeit und zukünftige Illusion existiert. Jeder ist für sich allein mit dem Durchschreiten des Tunnels beschäftigt, und erst durch die Akzeptanz dieses Zustandes verwandelt er sich in das einfache Sein, wodurch der Weg zur anderen Seite gegangen werden kann.

Inzwischen steht die Sonne hoch über den Baumspitzen und scheint mit ihren warmen strahlen auf die Umgebung des Dschungels, wie an allen anderen Tagen auch. Alles scheint gewöhnlich zu sein, bis auf den Eingang der Höhle. Dort liegt ein menschlicher Kadaver, belagert von hungrigen Tieren. Von Allem was war und ist, wie auch immer es sein möge, bleibt nur ein normaler Tagesablauf im Dschungel.

Plai Tamin, 20.12.2015
(Übersetzung: Smingplai)

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